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KiKo Kinderhilfe für Kolumbien e.V.

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Das weiße Juwel im Süden Kolumbiens


(Bericht aus KiKo-Rundbrief Oktober 2002)

Wappen Popayán
Wappen von Popayán
Popayán, heute eine unbedeutende Provinzstadt, blickt auf eine große Vergangenheit zurück.
Zeugen dieser Vergangenheit sind die weißen Mauern, die der Stadt den Beinamen „la joya blanca“ – das weiße Juwel – eingetragen haben.

Auf der Suche nach dem sagenhaften El Dorado durchzogen in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts Eroberer meist spanischer Nationalität das Gebiet des heutigen Kolumbien. Drei von ihnen wagten sich besonders weit ins Landesinnere, bis in das Königreich der Chibcha vor.

Gonzalo Jiménez de Quesada war von Santa Marta an der Karibikküste aufgebrochen und hatte seinen Weg den Rio Magdalena hinauf genommen. Wie es die spanische Strategie der Landnahme vorsah, hatte er unterwegs immer wieder Siedlungen gegründet und gründete nun hier die heute wichtigste Stadt Kolumbiens: Santafé de Bogotá. Nur wenig nach im trafen der aus Venezuela kommende deutsche Konquistador Nikolaus Federmann sowie Sebastián de Benalcázar ein, der seinen Eroberungszug im Süden begonnen hatte.

Auch Benalcázar, ein Leutnant Francisco Pizarros, hatte auf seinem Weg nach Norden verschiedene Siedlungen gegründet: Guayaquil an der Atlantikküste, Quito bei der nördlichen Hauptstadt des Inkareichs, Cali am Fluß Cauca und schließlich, weiter flußaufwärts, die Stadt Popayán. Der Name Popayán leitete sich von „Pioyá“ ab, dem Namen des Anführers der Pubén-Indianer, die in diesem Gebiet lebten. Ein aus Yucatán stammender indianischer Übersetzer wandelte Pioyás Namen in „payán“ ab und setzte, um den Rang des Häuptlings zu markieren, die Vorsilbe „pop“ dazu. Aus dem Maya-Wort „pop“, das für hohe Würden steht, und dem Namen „payán“ entstand so der Name der neuen Stadt, die am 13. Januar 1537 offiziell gegründet wurde.

Von Anfang an war Popayán eine der bedeutendsten Städte im Nordwesten Südamerikas. Während der Kolonialzeit war es das Regierungszentrum eines Gebietes, das 630.000 km2 umfaßt (Deutschland heute: 357.000 km2).
Seine wirtschaftliche Stärke beruhte zunächst auf den Goldvorkommen in der Nähe der Stadt und auf den Handelsweg, der von Lima und Quito über den Rio Magdalena bis Santa Marta und Cartagena an der Karibikküste führte. Hier reiste man sicherer als über die Landenge von Panama, den Pazifik und Guayaquil. Später wohnten im klimatisch
begünstigten Popayán auch die wohlhabenden Plantagenbesitzer, die ihre schwarzen Sklaven auf den Zuckerrohrfeldern im heißen Valle de Cauca schuften ließen.

Prozession in Popayán
Prozession in Popayán
Bereits 1548 wurde die Kathedrale eingeweiht, die als Bischofssitz zum religiösen Zentrum der Region wurde. Unter
ihrem Einfluß entwickelte sich Popayán in den folgenden Jahrhunderten zu einer Hochburg religiösen Kunsthandwerks. Von der hier erreichten Kunstfertigkeit künden noch heute die vielen Kirchen der Stadt und ihre reiche Ausstattung. Heute ist die Stadt vor allem wegen der Prozessionen zur Karwoche berühmt, die Pilger aus allen Teilen des Landes anzieht. Aus jeweils einer anderen Kirche werden die schweren Heiligenfiguren heraus genommen, auf Podeste gestellt, mit Kerzen, Blumen und Baldachinen geschmückt und von je acht, mehrmals wechselnden Trägern, Schritt für Schritt, stundenlang durch die Straßen getragen: die dramatischen spanischen Gruppen, die süßlichen italienischen, die in Quito, Lima oder Cuzco gefertigten und natürlich auch die, die aus Popayán selbst stammen.

Die größte und vielleicht eindrucksvollste Prozession findet Gründonnerstag statt und beginnt vor der Kirche des Heiligen Franziskus. Zu den bei diesem Umzug wichtigsten Passionsgruppen gehört „Das wahre Kreuz“, das seinen Namen einem Splitter Holz in seinem Zentrum verdankt, der vom Kreuze Jesu stammen soll.

Innerhalb des Vizekönigreichs von Neugranda unterstand Popayán zunächst der Rechtsprechung von Quito, ab 1717 der von Bogotá. Während der Unabhängigkeitskriege war es eine der Hochburgen im Widerstand gegen die spanische Kolonialmacht. Die berühmten Söhne der Stadt, die im Unabhängigkeitskrieg fielen, werden als „Märtyrer“ verehrt und sind bis heute unvergessen. Der bekannteste von ihnen ist sicherlich der 1816 hingerichtete Physiker, Botaniker und Universalgelehrte Francisco José de Caldas. Nach ihm ist der zentrale Platz der Stadt, der Parque Caldas, benannt.

Als einer der wichtigsten Köpfe der Aufklärung in Kolumbien steht Caldas in einer langen Reihe von Persönlichkeiten, die aus Popayán stammen und wesentlich in die Geschicke Kolumbien eingegriffen haben.

Die politische Bedeutung der Oberschicht der Stadt läßt sich nicht zuletzt daran messen, daß sie dreizehn Präsidenten verschiedener politischer Richtung hervorgebracht hat. Der Liberale Tomás Cipriano Mosquera Arboleda, über 30 Jahre eine der bestimmendsten politischen Figuren und zwischen 1845 und 1866 mehrfacher Präsident Kolumbiens, stammte ebenso aus Popayán wie sein konservativer Gegenspieler Julio Arboleda. Symptomatisch für die schwindende Bedeutung der Stadt ist, daß von den aus Popayán stammenden Präsidenten nur drei ihr Amt im 20. Jahrhundert ausübten und die Amtszeit der anderen zehn ins 19. Jahrhundert fällt.



Departement Popayán um 1810Bis ins 19. Jahrhundert hinein war Popayán die Hauptstadt eines Gebietes, das um ein vielfaches größer war als das heutige Departament Cauca.

Dem Niedergang Popayáns im zwanzigsten Jahrhundert ist es wohl zu verdanken, daß es zumindest in seinem Zentrum den Charakter eines Kolonialstädtchens erhalten hat. Anders als in der nur 130 km entfernten Millionenstadt Cali, wo nur ausnahmsweise einmal ältere Gebäude erhalten worden sind, findet sich hier ein vollständiges Stadtensemble des Kolonialbarock. Aber der heutige Zustand Popayáns ist auch aus einem anderen Grund nicht selbstverständlich, denn die Stadt liegt nur 30 km vom Vulkan Puracé entfernt. Der 4.646 m hohe Berg ist die Ursache für die vernichtenden Erdbeben, von denen Popayán im Laufe seiner Geschichte mehrfach heimgesucht wurde. 1564 und dann wieder am 2. Februar 1736 wurde die Stadt fast vollständig zerstört. Dem Wiederaufbau nach diesem zweiten Beben verdankt sie ihre heutige Gestalt. Das letzte große Erdbeben erschütterte Popayán in den Morgenstunden des 31. März 1983.
Das Beben dauerte an diesem Tag, dem Gründonnerstag, nur 18 Sekunden. Doch in diesen 18 Sekunden starben vierhundert Menschen.

Die Kuppel der Kathedrale fiel auf die Besucher der Morgenmesse herab, auf dem Friedhof wurden die Toten aus ihren Särgen geschleudert und stundenlang hing eine von den einstürzenden Gebäuden aufgewirbelte Staubwolke in den Straßen der Stadt. Als sich der Staub verzogen hatte, wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar: la joya blanca, das weiße Schmuckstück, gab es nicht mehr.

Wohl nur wenige Augenzeugen konnten sich damals vorstellen, daß diese Stadt jemals wieder so schön werden würde, wie sie einmal gewesen war. Aber mit internationaler, auch mit deutscher Hilfe gelang es, der Stadt ihre alte Schönheit zurück zu geben. Für viele mag es einem Wunder gleichen, daß all die Kirchen, die zerstört wurden, die Universität, die historischen Gebäude und Straßenzüge heute wieder zu besichtigen sind. Kein Zweifel ist möglich: Zu Ostern feiert Popayán seitdem nicht nur die Auferstehung des Herrn, sondern immer auch ein wenig das eigene Überleben.

Ekkehard Schönherr

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